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SELBST / sichtbar

Eröffnungsrede

von Brigitta Amalia Gonser

(Auszug)
Seien Sie herzlich willkommen in der Earlstreet 25, anlässlich des Festivals „100 Jahre Darmstädter Sezession“, zu dieser repräsentativen Ausstellung über das Selbst der Frau mit den sichtbar figurativen Selbstkonzepten - die Selbstbild und Idealbild zusammenführen - von sechs renommierten Künstlerinnen: als Mitglieder der Darmstädter Sezession: Annegret Soltau, Bea Emsbach, Fides Becker und Laura Baginski sowie als geladene Gäste: Annika van Vugt und Caro Suerkemper. Diese Künstlerinnen aus drei Generationen stellen mit Konsequenz und Radikalität das Selbst der Frau in den Fokus ihrer künstlerischen Arbeiten, deren kreative Spannweite von femininer Selbst-Enthüllung intimer Gedanken, Vorstellungen und Gefühle, die Persönlichkeit und das eigene Körpererleben betreffend, bis zu tiefgründiger weiblicher Selbst-Wesens-Schau reicht. Dabei funktioniert das kreative Selbst dieser Künstlerinnen - darüber hinaus - einerseits ordnend, strukturierend, sinngebend und andererseits entscheidend, planend und handlungs- leitend und generiert stets ein sensibel spannungsvolles Spiel zwischen Intention, Imagination und sinnlicher Wahrnehmung.

Wegen seiner prinzipiell nie vollständig bewussten Erkennbarkeit ist das Selbst ein „Grenzbegriff“ und eine „Grenzvorstellung“ für die „unbekannte Ganzheit des Menschen“.

Das Konzept des „Selbst“ nimmt in der Analytischen Psychologie nach Carl Gustav Jung eine zentrale Stellung ein: als Ganzheit und zugleich Zentrum der menschlichen Psyche, welche das menschliche Bewusstsein und Unbewusste umfasst. Dabei stellt das Ich den bewussten Teil des Selbst dar, der danach streben sollte, sich schrittweise der Inhalte des Selbst bewusst zu werden und dessen Vielheit und Einheit zu erkennen, was Jung als „Selbstverwirklichung“ und „Individuation“ bezeichnet. Die Ausbildung eines kritischen Selbst ist eine der Hauptfunktionen des Ich. Nur das Ich mit seinen Funktionen des Wahrnehmens, Denkens und des Gedächtnisses vermag zu reflektieren und selbstkritisch zu sein. So vermittelt das Ich realitätsgerecht zwischen den Ansprüchen des triebgesteuerten unbewussten Es, der moralischen Instanz des Über-Ich und der sozialen Umwelt. Das Ich orientiert sich dabei an seinen eigenen psychischen Fähigkeiten und Möglichkeiten und an den möglichen und realen Gegebenheiten der Naturwelt und der Kulturwelt. Den Wissenserwerb darüber nennt man Selbsterkenntnis – es ist die oft als demütigend und schmerzhaft empfundene Erkenntnis der realen Grenzen des Selbst. Sie ist die Voraussetzung nahezu jeder glückenden Selbstverwirklichung. Demnach vereint das sich in geerbten und erworbenen Rollen manifestierende Selbst Instinkte und animalische Triebe mit der Spiritualität des Menschen zu einem ureigenen „Körperselbst“.

Der Buddhismus verneint die Existenz des „Selbst“ als beständige, unwandelbare Identität und zielt daher auf eine „Selbst-Wesens-Schau“. Das ist eine geistige Erfahrung in der buddhistischen Tradition des Zen, die dem Menschen ein Erschauen des eigenen Wesens und ein Erkennen der wahren Natur seines Seins und dadurch der alles Seienden ermöglicht. Die Aufgabe für den Übenden besteht danach darin, diesen Zustand auf sein tägliches Leben zu übertragen, das heißt, nach dieser tief empfundenen Erkenntnis zu leben.

Nun möchte ich Ihnen die sechs Künstlerinnen und deren Werk vorstellen...


(Den vollständigen Text finden Sie unten als PDF zum Download)


Brigitta Amalia Gonser, Kunstwissenschaftlerin

© Brigitta Amalia Gonser, Frankfurt am Main 2019. Dieses Dokument ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen oder Abdruck – auch auszugsweise – bedürfen der Genehmigung der Autorin.